Szabados Solo - Aschaffenburg 10.04.1986

Die Musik, die in der Einheit und Allwissenheit brennen...

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Szabados Solo - Aschaffenburg 10.04.1986

Post by Rudolf » Sat 12. Sep 2015, 19:22

Musiker:
György Szabados Solo (p)
Time total: 83:48
Titel:
1. Track 1 (Piece for prepared piano) 10:10
2. Track 2 14:32
3. Track 3 11:19
4. Track 4 15:23
5. Track 5 13:39
6. Track 6 12:01
7. Track 7 6:44
Aufnahmeinformationen:
Audiokassette: FUJI FR Metal TYPE IV. 90
Besitzer: Rudolf Kraus
Masteraufzeichnung: unbekannt
Genealogie: 1te oder 2te Generation Kassette
Digitalisiert am 2012 mit Software Audacity
Audio: http://xn--gyrgy-szabados-wpb.com/?p=3464
Bilder: http://xn--gyrgy-szabados-wpb.com/?p=15823

_______________________________________________________
Alternative Aufnahmen: 83:52
Time total:
Titel:
1. Track 1 (Piece for prepared piano) 10:11
2. Track 2 14:32
3. Track 3 11:19
4. Track 4 15:24
5. Track 5 13:40
6. Track 6 12:02
7. Track 7 6:44
Aufnahmeinformationen :
Audiokassette: TDK SA 90 TYPE II
Besitzer: Stefan Kraus
Masteraufzeichnung: unbekannt
Genealogie: 1te oder 2te Generation Kassetten
Digitalisiert am 12.09.2015 mit Software Audacity
Audio: Privatsammlung
Bilder: http://xn--gyrgy-szabados-wpb.com/?p=15836

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Re: Szabados Solo - Aschaffenburg 10.04.1986

Post by Rudolf » Wed 1. Jun 2016, 13:42

Hubert Bergmann, seines Zeichens Pianist und Musikpädagoge arbeitet derzeit an einem Essay über Szabados in dem das von Ihm mitorganisierte Konzert im Aschaffenburger Schloss vom 10.04.1986 der Ausgangs- und Mittelpunkt bildet.

so viel sei schon mal verraten:

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Das Introduction zum Essay:

Wenn wir in zunehmender Weise einer ver-cloudung der Welt angesichtig werden, die bereits Marshall Mc Luhan ahnte, als er mit den ersten Computern die Auslagerung und Ausweitung unseres Gehirnes auf Festplatten aufkommen sah, so werden wir inzwischen Zeuge einer Entwicklung wie dieses moderne „Wachstumsphänomen“ unseres Gehirns immer mehr im Äther gekühlter Hochleistungsservern, neudeutsch Cloud oder iCloud genannt in den Panzerschränken amerikanischer Unternehmen verschwindet.
Der homo ludens nach Szabados weiß von alledem allerdings nichts…..

--------------------

Näheres bald, sobald dass Essay fertigestellt ist.


Weiterführende Infos zu Hubert Bergmann:
hubertbergmann@mudoks.com

Die Trackliste wurde zwischenzeitlich dank der unermüdlichen Recherchen von Bognár Ferenc weitgehend identifiziert:
Titel:
Track listing:
1. Piece for prepared piano 10:10
2. Track 2 14:32
3. Automata temetés (nagymarosi szertartászene) 11:19
4. Tónus (Tone) - Elfelejtett ének (Forgotten Song)[at 8:48] - Rozsdamező (Rustfield)[at 13:08] 15:23
5. Szabó Irma vallatása (The Interrogation of Irma Szabó) - Ceauswitzer koncert (Ceauswitz-Concert)[at 12:41] 13:39
6. Tánczene (Dance-Music) 12:01
7. Szárnyak (Wings) 6:44

Das Konzert ist zu hören unter folgendem Link: http://györgy-szabados.com/the-world-of ... pril-1986/

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Re: Szabados Solo - Aschaffenburg 10.04.1986

Post by Rudolf » Mon 27. Jun 2016, 12:27

Auszug aus Essay - Kapitel: Rückblende 1: Globale Echtzeit Dramaturgie und Sphären einer Koinzidenz


So ist nicht verwunderlich wenn auf der Spurensuche nach dem Wirkungsverhältnis des „modernen Menschen“ im allgemeinen und dem Geheimnis der Improvisationskunst bei György Szabados im Besonderen, Ereignisse zusammentreffen, deren Ursächlichkeit sich zunächst in verschiedenen Spielfeldern zeigen und wie ein Bild zweier ferner Brüder erscheinen mag, die sich zeitlebens nicht kannten, dennoch aber aus ähnlicher Not heraus das „Mantra der Zivilisationskritik“ über die kunstvolle Handhabung ihres Mediums, in die Welt rezitierten.
Gehen wir in unserer musikdramaturgischen Forensik mit den Mitteln eines bildgebenden Verfahrens die kurze anthropologische Zeitspanne eines Viertel Jahrhunderts zurück und sehen aus scheinbar sicherer Ferne auf eine prozessuale Ikonologie, deren weitere Verdichtung es uns heute nicht mehr erlaubt, ihr einfach nur zu zuschauen ohne zu realisieren, dass wir Teil jenes Dramas sind welches wir selber laufend inszenieren. Und dies mit zunehmendem Hang zur Unausweichlichkeit eines schlimmen Endes. Dass solche Prämissen der Selbstinszenierung bereits die antiken Griechen, die „Erfinder“ von Drama und Tragödie zur Läuterung allzu menschlicher Leidenschaften erkannten, macht eine Prozedur nur noch dringlicher, die durch ihre Unterlassung ansonsten in die Vernichtung der Spezies führe. So jedenfalls die Vorahnung des Verderblichen von jenen Darlegern besserer Varianten als des Fatalen, die den Menschen anregten, mittels Schulung und Verfeinerung musischer Kräfte die Harmonie der Sphären im Irdischen zu verwirklichen, um letztlich der ausufernden Disproportionalität eine heilsame Alternative zu bieten.
Menschen, die sich wie Szabados, aus eigener Analyse und Not heraus, an eine zeitlose Tradition anbinden, gab es zu allen Zeiten und sie erscheinen dann, wenn der überaus materialisierte Zustand der Welt Anlass zu klagen bietet, die Perspektive eines nach vorne, mehr und weiter immer enger und unsinniger wird, Kriege und Konflikte sich abzeichnen und sich allgemeine seelische Verflachung verbreitet, die heute bereits als Ausdruck von Vielfalt gesehen wird. Die Entkernung des Menschen von seinem Wesen der Selbstwerdung, seine zunehmende Fernsteuerbarkeit durch die Apps amerikanischer Unternehmen, bilden das unheimliche Reservoir, dem diese Kulturarbeiter eine echte Alternative anbieten wollen, indem sie sich rückbesinnen auf die archaischen Kräfte, die in uns Menschen schlummern, oft verteufelt und selten genug in jenem bedeutungsvollen Zusammenhang erschaut, die es dem Individuum erlauben ein bewussteres Leben zu führen. Diese Kunst des Schauens führt uns zu konkreten Ereignissen in jüngster Vergangenheit, die wie alle Menetekel oft nicht wirklich gelesen werden und als Unfall der Moderne und Makel scheinbar unaufhaltbaren Wachstums im Untergrund ungelöst überdauern.
Die Spuren koinzidenter Ereignisse können nur jene lesen, die sich eine weitgehend unabhängige Sichtweise und beständige Übung der Anschauung bewahrt haben. Dort „teilt“ sich die Welt zunächst in eine öffentlich-wahre auf der einen und in eine fragwürdig-obskure auf der anderen Seite. Daran nicht zu verzweifeln und eine Antwort des Ganzen zu bemühen ist Aufgabe des wahren Künstlers.
Die Bühne die er betritt ist der Kriegs Schauplatz der Moderne, auf der in einer auratischen Sphäre der Unterhaltsamkeit eine Show des Guten wieder des Bösen inszeniert wird. Diejenigen aber, welche die Dramaturgie entwerfen, spielen zur ihrer Gewinnmaximierung mit dem kollektiven Unbewussten der Zuschauer und Zuhörer. Ihre Macht repräsentiert die Ohnmacht der Vielen, die dem Diktat des Konsums unterworfen, der Manipulation Tür und Tor öffnen.

DUX

„Wir haben eine schreckliche Disharmonie geschaffen, das heißt, ein Ungleichgewicht zwischen der materiellen Entwicklung und der geistigen.“ [1]

Die Dreharbeiten zu seinem letzten Film „Opfer“, hatte Andrej Tarkowski Ende März 1986 (er starb 9 Monate später in Paris) gerade beendet, als man bis zur Katastrophe von Tschernobyl noch 3 1/2 Wochen zählte.
„…….Aus dem Fernseher sind Fetzen einer Ansprache hörbar: Ordnung und Organisation!“ „Jeder soll bleiben, wo er gerade ist, denn es gibt keinen Ort in Europa, der sicherer ist als der, an dem wir uns gerade befinden.“ Der Fernseher geht aus. Die Szenerie erinnert an den Ausbruch eines nuklearen Weltkrieges….“
Die Kritik des Filmes, der dann am 9. Mai, 2 Wochen nach Tschernobyl in Cannes uraufgeführt wurde und aus dem dieses Zitat stammt, beschreibt diesen wie folgt: „Eine wort- und bildgewaltige poetische Vision, die dem Materialismus der Welt in der Forderung nach Opferbereitschaft eine von spiritueller Sinn Suche erfüllte Gegen-Welt des Glaubens gegenüberstellt…“
Am 10. April 1986, unmittelbar nach der Fertigstellung von „Opfer“ betrat der bis dahin im „Westen“ weitgehend unbekannte ungarische Pianist und Komponist György Szabados eine kleine Bühne vor einer Gemeinde von Anhängern der improvisierten und neuen Musik im Schloss Johannisburg in Aschaffenburg. http://györgy-szabados.com/the-world-of ... pril-1986/
Er war 1983 das erste Mal auf ein kleines Festival in dem Dorf Daxberg in Unterfranken von Rudolf Kraus eingeladen worden, der in seinem Jazzplattenladen eine Art interdisziplinäre Volkshochschule akustisch bedeutsamer Ereignisse betrieb, in welcher der Verfasser dieser Zeilen einen Teil seiner außerinstitutionellen Studien betreiben durfte.
Über die Eigenheit dieses Enthusiasten, der postalisch eingehende Bestellungen länderübergreifend höchst selbst bei seinen Kunden abzuliefern pflegte, kam schließlich der schicksalshafte Kontakt zu György Szabados zustande.
Umrahmt von der dunklen Patina altersduftender Ölgemälde Mainzer Erzbischöfe und Kurfürsten, welche die Erinnerung an die Herrscher weltlicher, wie geistlicher Sphären im unterfränkischen Land wachriefen, nimmt der damals 47 jährige im Zunftsaal des Barockschlosses, welches Johannes dem Täufer gewidmet war und im kulturimperialistischen Niedergang amerikanischer Bomben ohne Not in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges fast vollständig zerstört wurde, in konzentrierter Strenge vor einem Steinway Platz.
Dort entfachte er sein fulminantes Solo - Piano - Konzert, das uns bis heute zu denken gibt.
In Art und Weise einer höheren Haptik entfaltete sich vor den Ohren und Augen ungläubig staunender Sinnsucher, ein Höhepunkt europäischer Musikkultur, gleichsam eine Geburt aus unbekannter Asche und in hintergründiger Entsprechung zu jener Örtlichkeit des barocken Bauwerkes, das nach seiner Verwüstung und dem Ansinnen einer Dekultivierung dennoch wieder zu neuer Blüte emporgebaut wurde.
Wer sich darauf einließ, in aufgetürmte Klangsphären einzutreten und die polyrhythmischen Gefechtssalven als jenes Spiel der reinen Existenz zu erkennen vermochte, das durch anhebendes Flügelgewitter einer zunehmenden Entzeitlichung entgegengeführt wurde, fand sich von einem musikalischen Stalker zweifelnd in eine unbekannte Zone [2] geführt, von der auch der pianistische Psychopompos gewiss nicht immer wusste, ob daraus je eine Rückkehr möglich sei.
Der dämonische Aspekt von Musik, welchen Thomas Mann in seinem Aufsatz: „Deutschland und die Deutschen“ 1945 da „wirklichkeitsfern“ der Sphäre des Faust zuordnete, wurde hier im Kampf der Gewalten vorgeführt, allerdings von keinem Deutschen, was Mann’s These des Spezifischen zu widerlegen scheint, sondern von einem gänzlich unverdächtigen Ungarn. [3]
So läge auch Kierkegaard daneben wenn er im Rahmen einer Betrachtung von Mozarts Don Giovanni konstatiert: „Soll Faust der Repräsentant der deutschen Seele sein, so müsste er musikalisch sein, denn abstrakt und mystisch i. e. musikalisch, ist das Verhältnis des Deutschen zur Welt, […] ungeschickt und dabei von dem hochmütigen Bewusstsein bestimmt, der Welt an ‚Tiefe‘ überlegen zu sein.“
Und wenn er weiter ausführt: „Die Deutschen dabei „Musiker der Vertikale seien, nicht der Horizontale, größere Meister der Harmonie als der Melodik, dem Spirituellen in der Musik weit mehr zugewandt als dem Gesanghaft-Volksbeglückenden, sie haben dem Abendland seine tiefste, bedeutendste Musik gegeben.“, so müsste unser Mann auf der Bühne ein Vertreter einer besonderen Spezies von morgen-abendländischer Mixturen sein, da er sowohl die Register des Vertikalen als auch des Horizontalen und schließlich noch des Volksliedhaften beherrschte.
Was wohl zutraf war die Nähe der Musik, die sich unaufhaltsam in den Individuen ausbreitete, gleich einer Art von diffus und grippal eingeschleppten Gottesahnung, die wie Augustinus ermittelte, den Anwesenden näher schien als diese sich selbst. [4]
Das Spiel des Magyaren stand auf Risiko und vollem Einsatz des homo ludens und seiner ihm unbewusst sich Anvertrauenden, die dem Faszinosum des faustischen ergeben schienen, bis der Zauberer auf der Bühne die entfesselten Kräfte in sanftere Gefilde führte oder ihnen über einen harten Schlag im letzten Akkord die Daseinsberechtigung entzog. Währenddessen drückten sich die Brüder „Hochmut und Überlegenheit“ verschämt in der Ecke und unterhielten sich in englischem Getuschel über den Fauxpas der Bombardierung europäischen Kulturgutes, jenes lokus operandi an dem dieses Konzert nun erstand.
Es ist nicht nur eine Besatzung der Physis, wenn andere Mächte in uns eindringen, sondern damit verbunden vor allem eine Kontaminierung der Sprache, die sich über die Geschichte(n) äußert, die wir uns erzählen, ohne zu hinterfragen was das einzelne Wort bedeute, wo es herkomme und in welchem Zusammenhang es entstanden ist, schließlich auf welche Erfahrung es ursprünglich referierte. Da diese Erkenntnis schwerer auf musikalische- denn auf handfestere Akte anzuwenden ist, generiert sich von daher eine Sichtweise, die sich vorbehält Recht zu haben in der Interpretation der Geschehnisse, allerdings unter dem fatalen Ausschluss der Sichtweise des Gegenüber.
So ist Musik immer Beides. Himmlisch und dämonisch, oben und unten, verkörpert das „Schlechte“ ebenso wie das Gute und mäandert als ein Paradox der Wahrnehmungswelt über die Oberfläche unserer Sinne.
Ausgerechnet an einem Ort der Tradition also, wo Sinn zum Preis des Vergessens einer dunklen Vergangenheit die nicht vergehen will, ausschließlich im Sturz nach vorne erreichbar schien, folgten wir einer Rückschau die zunehmend zur Introspektion einer unbekannten Welt wurde. Es bildete sich nämlich eine Wolke über der Bühne die ihr Gesicht Janusgleich in beide Richtungen gleichzeitig bewegen- und das Kommende im Vergangenen und das Verflossene in einer Projektion laufender Ereignisse sehen konnte.
Wenn nach Sloterdijk [5] „Übung eine Form des autoplastischen“ ist, die auf den Handelnden zurückwirkt, erlebten wir hier einen akustischen Bildhauer in einer Trainingseinheit im öffentlichen Atelier, der sprichwörtlich mit jedem Drillen der Töne auf den Stahlseiten einer 2,30 Meter langen schwarzen Lade, das gleich wieder zerfließendes Bild seiner selbst, als Beleg der Durchdringung des Meta- mit dem Physischen vor sich hin hämmerte. Entstehen im Vergehen des Urhebers wurde plastisch in einer energiegeladenen Kunstfertigkeit, die sich von Metempsychose zu Metempsychose weiter zu hangeln schien.
Die „Zurückstellung der Wahrheitsfrage zu Gunsten einer Aufmerksamkeit für Zustände des In-Form-Seins“ [6] wurde offenbar und insofern schien die Frage nach höheren Mächten, auch in der Aussage des Meisters, zumindest im Zustand der Entzückung, obsolet. Es war unzweifelhaft Szabados der in Form war und spielte. Niemand sonst. Es wirkte wie ein Schwamm, der nach langer Konzentration, jetzt alle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer in sich aufsog, um nach weiterem Zusammenziehen die Erkenntnisse seiner Meditation in das Publikum zu verstreuen und damit unzweifelhaft zu zeigen, wie sich eine schamanistische Prozedur anfühlt.
Nachhorchend dem Titel Adyton, einer Veröffentlichung des Meisters 3 Jahre zuvor, welches dem ungarischen Dichter Endre Ady gewidmet war, erstand ein Paradoxon des geschlossenen Tempelbezirks, welches die alten Säulen des Saales durch die Kunst musikalischer Offenbarung jedoch ermächtigte, sich selbst wie ein Phönix in reinkarnatio aus der Asche zu befreien.
Denn nur wer wirkliche Wandlungskraft in sich kultiviert und meistert, darf das scheinbar Widersinnige in seinem Wortschatz führen. Dem Beispiel Ady’s folgend, der die Hölle des ersten Weltkrieg erlebt hat, evozierte der Musiker auf der Bühne im Gefecht der Klänge sein Einssein mit dem inneren Gott, um über das Stahlgewitter geschossschneller rhythmischer Permutationen hinaus zu wachsen-, den Nachkommen zu berichten und schließlich Wandlung zu erfahren indem er sich auf seinem inneren Altar opfert.
Dass Szabados mit einem so verstandenen Gott, eben nicht jene „Chiffre für einen historischen erfolgreichen Komplex hochgetriebener psychoreligiöser Motiviertet“ meint, wie Sloterdijk den vorwiegend gewaltträchtigen Monotheismus des Alten Testamentes nennt [7], versteht sich von selbst.
„Unser“ Auferstandene allerdings strahlt in der Aura des noch nie Gewesenen, der die Ungläubigen in Erörterungen über die Levitation des gerade Verblichenen rätseln lässt und die Erfahrung als einzigen Beleg der Erscheinung des Unmöglichen auf vager Hand der mnémē téchnē, einer heutzutage rabiat abnehmenden Gedächtniskunst, an den Nächsten weiterzureichen versucht. Kultus war hier nicht spröder Geschichtsunterricht des Unglaublichen, sondern bestätigte sich durch eine Mischung untrüglicher Zeichen aus Angst und Rückgrat kräuselnder Heiterkeit, die just über den Atlas hinauswuchsen, als sich die äußere Schwere der Räumlichkeit in einen Orbit akustischer Himmelfahrt wandelte. Wir wurden über unsere Ohren daran erinnert, was Ritualsysteme einst sein mochten und vergewisserten uns vorsichtig ihrer aktuellen Wirksamkeit.
Ob sich hieraus eine transethnische und kollektive Verbundenheit, als Folge einer Bezogenheit auf gemeinsam Erfahrenes, im Sinne einer „Bortherhood of Breath“[8] entwickeln kann, wird sich möglicherweise in Zukunft zeigen.
Geschichte braucht Glieder der Verbundenheit, die in alten Zeiten von Religionen, ihren Auslegungssystemen und Mythen, seltener von faktischen Wahrheiten geleistet wurde. Buddhistische Praxis, die sich nicht als Religion, sondern eher als Erfahrungswissenschaft versteht, könnte ein Teil dieser Praxis sein. Denn was wir erlebten war die Leibhaftige Demonstration eines atmenden Menschen eben dieser Selbsterfahrungswissenschaft. Und wenn wir weiter annehmen, dass es hier nicht um kunstvolle Unterhaltsamkeit ging, wird die Sprache Szabados's schlicht zu einem Überlebensinstrument. Zumindest sei die Erörterung dieser Frage zugelassen.
Das Verschwundene, welches jetzt in den zeitlosen Augenblick hinein erklang, war hier kein Ding welches wir wiederverwenden könnten, nachdem es ausgegraben war, sondern ein unmittelbarer Akt des ständigen Hervorbringens und Weiterentwickelns während dieses entstand und zum staunenden Entzücken der Versammelten gleichzeitig wieder verging ohne zu vergehen.
Ein verfeinerter Prozess der Entelechie, das beständige Pumpen von Äther in das Pfauenauge eines Schmetterlings, der bereits beim Abheben nicht mehr derselbe ist, wie gerade noch am Rande der Blüte, die im Windhauch eines Sonnenstrahls zurück bleibt.
In der Nachbetrachtung erscheint die musikalische Eruption des späten Sohnes einer Donaumonarchie, der sich im Gegenentwurf zu hinfälligen Strategien der Moderne, mit seinem Ensemble als Hofmusiker für Höheres, dem Sonnengott verstand, wie ein warnendes Menetekel auf das, was sich 2 Wochen nach dem denkbaren Konzert im Barockschloss, mit dem Ausbruch des Reaktors zu Tschernobyl in seiner abgründig und unbändig zerstörerischen Kraft in das Gewissen der Welt einbrannte.
Was Szabados noch an Energien bändigte, entfesselte der zur Machbarkeit erodierte Geist des Atoms hinter dem „eisernen Vorhang“ in seinem ausschließlich dämonischen Aspekt.
Als wollte die Darlegung menschlich- geistiger Kraft, ein letztes Mal mahnen, dass das musikalische Drama auf der Bühne immerhin eine Aussicht auf Überlebbarkeit kultiviert und eine bessere Variante zu immer fragwürdigeren menschlich-technischen Auswüchsen biete, als die bodenstürzenden Kräfte in der Ukraine.
Mit dem Mitteln der mousikḗ vorgetragen, klanglich erklärt und in ihre Schranken verwiesen, schließlich einer präventiven Katharsis unterzogen, erreichten die moderierten Gewalten, die sich auf der Bühne zeigten, jedoch nicht mehr rechtzeitig den Ort des Geschehens im Osten.
Zu spät. Jedoch nie zu spät zur weiteren andächtigen Betrachtung und Er-Innerung der Anwesenden, auf das diese den Tag des „jüngsten Gerichts“, einer Sphäre zeitloser Selbstbetrachtung, nicht vergäßen.
Einer Abrechnung im Guten gleich, entzauberte der Mann auf der Bühne die Weltgeschichte der Musik, im Zustand ihrer Entstehung, um uns dann doch noch nach 2 Wochen als Irrende zurück zu lassen, die erst sehr viel später die tönende Botschaft als Opfer und Referenz eines geistigen Überlebenstrainings verstehen können.
Die Betrachter und Zuhörer wurden Zeuge eines Echtzeitlabors musikethnologischer Grundlagenforschung, die sich neben ihrer Geschichtsmeditation auf nichts beruft, als die Kraft des Augenblicks und den Bewusstseinszustand der Leere und der ununterschiedenen Einheit allen Seins, aus dem sich mit einer ursprünglichen Kraft der Differenzierung, im Schöpfungsakt des Logos, die Welt der 10.000 Wesen heraus entwickelt.

[1] Alexander in: „Opfer“ von Andrej Tarkowskij
[2] s.a. „Stalker“ Film von Andrej Tarkowskij
[3] s.a. Peter Sloterdijk „Im Schatten des Sinai“ / Kap. 1, Verkleinerung der Kampfzone
[4] s.a. P. Sloterdijk „Im Schatten des Sinai“ / Kap. 1, Verkleinerung der Kampfzone
[5] P. Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern, Suhrkamp 2009
[6] P. Sloterdijk ebenda, Anmerkung 6, Im Schatten des Sinai
[7] ebenda
[8] so ein CD Titel des südafrikanischen Musikers Chris McGregor



Auszug aus Essay - Kapitel: Rückblende 2: Es gibt in der Musik keine Entwicklung, nur Wandlung (Bartók)

Schöpfung jedenfalls wird bei Szabados zum Zeugen und Geboren werden in Einem, einem Hämmern der griechischen Antike an ihren Figuren, ohne ein Vorbild der Sinnenwelt hinzu zu nehmen. Die Projektion der Idee entpuppt sich im weiteren Verlauf als Vorauseilen irdischer Sinnlichkeit. Von daher gesehen, auch in den Abgründen ihrer späteren Geburt in himmlisch irdischer Erfahrung, hindurchwandernd durch die Sphäre des Nichtwissens, um in originärer Kraft wieder ans erdhafte Tageslicht zu treten.
Die Aussage Bartóks [1], die Szabados in einem Interview zitiert, geht von der Prämisse aus, dass ein fundamentaler Prozess des Fortschreitens zu Gunsten einer „Wandlung des immer Gleichen“ aufgegeben wird. Das hieße, dass immer ein Kontakt zum Ursprung gegeben sein muss und von daher in einem Prozess des Umkreisens eine Form zu initiieren sei. Wandlung impliziert Kontinuität und Wissen um Ursprüngliches, während Entwicklung eher den technischen Aspekt eines Fortschreitens und Entfernens vom Ursprung nahelegt. Der Bruch und Haitus welche wir seit den Zeiten der französischen Revolution erleben, mag mit all ihren Erscheinungen einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überwürfnissen dazu gehören…
…Während Szabados in den ehemaligen Fürstenräumen, seinen Fingern freien Lauf ließ, mutierten die Anwesend-Abwesenden gleichsam zu einer Schar von irrlichternden Laien, je nach selbstgewählter Funktion, von Hebammen, Gynäkologen und Predigern der inneren Stimme, bei manchen gar im äußersten Rahmen gerade noch vertretbarer Alimentierung geistiger Prozesse, durch Kraut aus heimischen- und Chemie aus Schweizer Landen.
Alle rotierten verbunden über das Echo ihrer Ohren in einem paradoxen Zustand eines prozessualen Geschehens, welches ein Vektor nahelegt um doch ständig zu bestätigen, dass es kein weiter, kein „hin“, keine Entwicklung gibt, sondern jenes Absurdum, welches immer dann auf den inneren Plan tritt, wenn die eigenen Schubladen klemmen, keine Dioptrie mehr für den Durchblick taugt und am Ende das Individuum vor der Wahl steht, sich entweder zu wandeln oder die Eintrittskarte unter Protest zurück zu geben und in Regress zu gehen.
Szabados ließ nichts unversucht die Erkenntnis einer Nicht-Entwicklung von Musik (Bartók) über die manische Kraft der Rotation um das Eine, in ein kategorieloses Strömen umzuformen und so den Paradigmenwechsel über die praktische Lehrstunde höherer Optik in eine bleibende Erfahrung nie gekannter Durchhörbarkeit hinüber zu retten.
Es war klar. Hier bewegte sich eine zukünftige Jüngerschaft auf unglaublichem Pfad, dessen Erinnerungsimpuls wohl mächtiger sein wird, als die Fassbarkeit des Unbegreiflichen zum Zeitpunkt des Geschehens selbst. So stieg dieser Ungar, der in späten Jahren den Kossutpreis (für Ungarntum) erlangte aus dem Nichts in eine europäische Mitte die scheinbar schon verblichen war, in einem belebenden Akt der Wachrufung einer Reihe von Geistern und Zeitaltern, die nun in der Kür des Meisters an seinen Adepten vorüberzogen und sie mit in den Bann zeitlosen Geschehens nahm.

[1] Sloterdijk „Im Schatten des Sinai“ S. 16 / Zitat Gottfried Herder



Auszug aus Essay - Kapitel: Rückblende 3

Kaskaden von pentatonischen Verflechtungen reihten sich an späte Erinnerungen des Sacre und des Feuervogels, der die Asche von seinen Unterarmen schüttelte, als wäre Wiederauferstehung eine lockere Jonglage mit den fünf Elementen, die sich auf den Tasten eines frohlockenden Steinway Flügels versammelten. Die sich erhebende Schwingungshoreographie war eine geladene Mischung aus Warnung vor Kommendem und der Vorfreude auf Erlösung, gleichsam das Bekenntnis einer Unvermeidlichkeit von Gutem im Schlimmen.
Und dann erschien er aus dem Nichts. Der metallische Ton mehrerer durch Büroklammern verfremdeter Saiten. Jenes langsam beginnende und über die pianistische Dauerübung der ersten 3 Finger in stetigem Puls die Geschwindigkeit hochschraubende und schließlich in einem Klang verschmelzende Hämmern das sich hier wie das Rattern und Tönen einer mechanischen Nähmaschine anhörte. Eine Reihung von schneller werdenden Impulsen, die schließlich in einem Ton stehen zu bleiben schienen. Die Paradoxie einer Stasis als Ergebnis höchst dynamisch-impulsiven Geschehens macht das frühe Traktorerlebnis als hochkünstlerische Performance in einem auditiven Raum der Zeitlosigkeit sinnfällig.
Erinnerung speist sich hier in einer Mischung aus dem sprichwörtlichen Handwerk des Pianisten, dessen repetitive Bewegung in freier Permutation die jeweils nächsten Figuren hervorbringt und jener projektiv-visionären Kraft, welche den Deklamationen altorientalischer Geschichtenerzählern zu eigen ist, die in der nach vorne Entwicklung der Geschichte, Vergangenes ins Jetzt hinein heben und Zeit in einen allgegenwärtigen Raum verwandeln.
Das Spiel Szabados war immer Re-Evokation versunkener Welten, die über die Kraft des Erzählers in ein anderes Jetzt gehoben wurden. Kultische Energie einer Preisung, die ihrem Verkünder alles abverlangt.
Die europäische Weise des Erzählflusses setzt allerdings eine formale Kenntnis seiner Objekte, der europäischen Musikgeschichte ebenso voraus, wie Anklänge an außereuropäische Kulturen und Geschichte. Dieses Wissen bezieht sich ad hoc erinnernd und imaginierend auf eine vergangene Zeit, rezitiert nicht, sondern nimmt sie als Referenz und belebt sie über die Anreicherung eigener Energie in ein Neues, hebt wirklich nach langsamen Anlauf ab, steigt in die Höhe und fliegt. Das nach vorne Schreiten und nach hinten Sehen wandelt sich somit in einen Akt der Himmelfahrt entsprechend dem überlieferten Satz des Meisters: „Wer fliegen will muss seine Technik beherrschen“.



Auszug aus Essay - Kapitel: Rückblende 4

Die Musik sickerte in die Wesen ein, sprengte die herkömmlichen Filter der Wahrnehmung und vermengte sie mit einer höheren Vibrationsexegese des Sandsteinschlosses, in dem der Liszt’sche Genius, Arbeit zunehmend ohne zu arbeiten tat. Jene Praxis wurde hier mit den Worten eines früheren Adepten auf die Anwartschaft auf Unglaubliches vorexerziert: „Nicht ich, sondern der Herr in mir….“. Stein war nicht mehr Stein während Szabados sich ganz dem Geschehen öffnete, welches er selber hervorrief und begleitete, was in seinem weiteren Verlauf ein nicht immer persönlich steuerbares Geschehen nach sich zog. Die Nachbetrachtenden werden glauben, Zeugen einer Art (Selbst-) Opferung geworden zu sein, deren Preis die Aufgabe einer „niederen“ zu Gunsten einer „höheren Kontrolle“ sei. Transpersonal war nicht länger ein Wort für abgefahrene Spiritisten, sondern zum Begriff geworden, der durch ein Unbegreifliches sprach. Danach trat wieder Schwerkraft ein und die Welt schien nur noch aus Sandstein zu bestehen.
Der Verfasser dieser Zeilen, der diesem Drama als Mitorganisator und Audio Dokumentarist ebenso ungläubig wie erfasst beiwohnte, meint sich zu erinnern, dass ein durchnässter und erschöpfter Pianist, im Anschluss des Konzertes, von einer Art Reminiszenz an jene Herrschaften sprach, denen sein Spiel gewidmet sei, einer Würdigung der Versammelten wie vor allem aber den Verblichenen, von deren Rahmengefasster Würde er sich wohl begleitet sah. Gleichwohl ein Opfer und Verneigung an die tatsächlichen oder auch nur imaginierten geistlichen Herrscher der Welt, die in ferner Zeit durch Aufträge und Anordnungen nicht selten Miturheber und Förderer von Kunst und diese hervorbringenden kreativen Kräften waren.
Soweit das Geschehen.
Es treffen sich also an dem geladenen Punkt unmittelbar vor einer historischen Katastrophe, das Opfer Tarkowskijs und Szabados’, im Film tatsächlich stattfindend und in Szabados Spiel immer auch anwesend.
Das Drama des Menschen, sein „Kampf“ mit den materiellen Mächten und Irrungen des Da Seins und einer versuchten Läuterung durch Hinwendung nach einer Orientierung, einer zeitlosen Dimension der Religio, einer Rückbindung an das Numinose des Überraumzeitlichen, welches von manchen Gott, von anderen einfach Geist und gelegentlich auch Nicht-selbst benannt wird. Dem Aufstand gegen die Kräfte des Materialismus und Utilitarismus waren Szabados’ und Tarkowskijs Kunst und Können gewidmet.
Weit davon entfernt Unterhaltung zu sein, waren sie Vorgeher und Wegbereiter einer Brücke des Sinnlichen die in eine geistige Welt und Ordnung führen sollte, der unbedingte Versuch über die mantrische Anwendung ihrer Kunst uns, die wir „nur“ die Bilder sehen und „nur“ Musik hören, das davor und dahinterliegende, den Weg zur Spiritualisierung der Welt zu eröffnen.
Szabados Musik am Flügel zu analysieren ist eine Gratwanderung zwischen der Erinnerung mehr oder weniger bekannter kompositorischer Elemente und dem Unvermögen tiefer einzudringen in die Geheimnisse der energetischen Verbindung des Musikers, der wie aus dem Nichts einen Kosmos von Klangbildern erzeugt, eben diese Erinnerungen an früheres kombiniert mit seinem existentiellen Atem, der die Musik in eine ganz andere Wirksamkeit hinüber gebiert.
Die Übertragungskraft dieser Musik versetzt in eine Art Trance, bedingt durch die langen Pattern vorwiegend in der linken Hand, die den Teppich weben, auf denen der Geist fliegen - und die rechte Hand sich in komplexen Strukturen empor bauen kann, in eine Welt des Vor-bewussten, das jetzt ans Tageslicht gehoben wird.
Die Bartók‘sche Einfachheit von Kinderliedern sind in ihrer monophonen Weise eine „Grund-stimulans“ um uns in eine Lage des Verstehens zu versetzen und tauchen immer wieder in verschiedener Weise auf. Kontrapunktische Spielweise kombiniert und sich durchdringend mit volksliedhaften Strukturen durchziehen die Bögen in denen Szabados sein Spiel über das Spielen erforscht, entwickelt und auch wieder verwirft.
Szabados spielt nie Free Jazz im amerikanischen Sinne, sondern für ihn ist „Free“ eine Aufforderung, der Entschluss zur prozessualen Großform in europäischem Duktus.
Seine Musik erzeugt archaische Bilder, schafft über das sinnliche Erlebnis hinaus, ähnlich wie Tarkowskis lange Kamerasequenzen, die Möglichkeit für den Zuhörer / Zuschauer über den Stoff der sinnlichen Erfahrung in Kommunikation mit einem Darüberhinaus zu kommen. Der Adept wird eingeladen sich über die Sinnesbrücke einem Raumzeitlichen Kontinuum zu öffnen, von dort die Relativität der Erscheinungen zu erfahren und einzutauchen in eine größere Ganzheit, in ein Drama der Existenz, welches die Sinnfälligkeit einer religiösen Praxis, einer Kontaktnahme mit einem „Da“ vor aktueller Zeit nahelegt und zu diesem einlädt. Es ist die freundliche Geste einer poetischen Weise, die den Menschen mitnehmen will auf eine Reise zu sich selbst.
Den anfangs zitierten Satz des 2011 verstorbenen ungarischen Pianisten wollen wir schließlich zum Anlass nehmen seine Musik und sein Wirken vor dem Hintergrund einer durchaus problematischen, weltweiten kulturgeschichtlichen Entwicklung zu sehen, der dieser mit seinem Wirken eine Antwort entgegen setzte.
In einer Welt nämlich, in der, um mit Sloterdijk zu sprechen, der Hiatus, (Abgrund, Kluft, Spalt) und der zwangsläufig folgende Sturz nach vorne zu einer beständigen und beängstigenden „Einrichtung“ geworden ist, auf deren existentiellen Abgründen wir, weitgehend unbewusst seiner Bedingungen und Vorgeschichten versuchen, die Balance zu wahren, stellt sich die Frage nach der Alternative zum unterbrochenen Kontinuum in besonderer Weise und am kulturpessimistischen Ende der Neuzeit überhaupt zum ersten Mal in jener Art, die ohne Vorgriff auf geschichtliche Analogie scheint. Denn schneller als heute waren wir nie, was einen kaum steuerbaren Ablauf eines schlingernden Finales nahelegt. Wie dieses aussehen könnte kann jetzt schon an dem zur Dauer geronnenen Fiasko einer permanenten Ausweitung von Flachheit in einer weltweiten Durchseuchung und in allen gängigen Medienformaten mit noch ausreichendem Abstand zum Ernstfall kontempliert werden. Update garantiert.
Das Ausmaß dieses Sturzes, den Grund seines Abgrundes sozusagen sichtbar zu machen, ist notwendig um ihn zu verstehen, um aus der Not des freien Falls die mögliche Tugend seiner Betrachtung und aus der Dynamik der Kultivierung seiner Zerstörungstendenz und den Turbulenzen des Unkontrollierten im Abwärtsgleiten, einen lenkbaren Auftrieb zu entwickeln. So zumindest könnte sich das Credo einer Anwartschaft auf Teilhabe an der Wirksamkeit des Unfassbaren, also Geistigen anhören.
Auf vielfältige Weise, und kaum mehr wahrnehmbar und bewusst, finden wir uns nämlich mehr und mehr nicht mehr auf den Fäden oder gar Knotenpunkten der Netze, sondern im freien Fall durch das Gewebe dazwischen. Die Kunst der (hier musikalischen) Performance, „die Kunst ohne Netz“ wie einer ihrer Protagonisten sagte, trieb nicht umsonst ihre Blüte kurz nach dem letzten großen Desaster in der Welt, dem WK II, nach einer umfassenden Zerstö-rung sowohl in materieller- wie auch, was nur zu schnell vergessen wird, in der Sphäre der diese bedingenden, suchenden wie verlorenen spirituellen und geistigen Ebene.
Da wir Herkunft über das Persönliche hinaus, trotz inzwischen auch gesellschaftsfähigem Training nach Höherem immer weniger kennen, weil diese Ansinnen nur als Restauration von Abgründigem erscheint, treiben wir in scheinbar alternativlosen Welten einer berührungslosen Ichheit und beliebiger Beziehungserfahrung hindurch, deren Tendenzen sich mehr und mehr zwischen Knoten und Schuss einen löchrigen Teppich des freien Falls zu weben scheinen.
Der einzige Ausweg wird als jener betrachtet, der noch mehr und schneller in ein richtungs-loses Vorne führt, Herkunft als Makel einer alten Welt, diskreditiert und in einer grellen Show des immer Anderen und immer Neuen, letztlich den Absturz selbst als Kunst zu betreiben versucht.
„Ich kann zählen (meint: ich sehe die Katastrophe), wo ist das Problem?!?“ , Dieser Satz eines politischen Redakteurs der Neuen Zürcher Zeitung gegenüber dem Verfasser dieser Zeilen, ist das neue Credo einer empfindungslosen und handlungsverstörten Öffentlichkeit und deren Protagonisten. Man könnte diesen epochalen Satz des „Elephant in the Room“ mit astronautischer Stoik konterkarieren und ins Vakuum tönen: „Housten wir haben ein Prob-lem,… es wird sich von selbst lösen, wenn wir nichts tun. Also warten wir ab.“
Inzwischen wird der Index des Bruttosozialprodukts zum neuen Gott einer Bevölkerung gestylt, die sich nur noch in statistischer Erhebung niederschlägt. Existenz wird mehr und mehr als Umsatz und Umschichtung von Schein propagiert, welches das Gefühl von Sicherheit suggerieren soll. Das Brutto nationale Glück, der BNG des Staates Buthan scheint uns welt-fremd und entrückt, während wir „Glück“ nur noch als Image auf Werbetafeln begegnen. Das Außen hat das Innen, die Nach-richten (des immer öfter Falschen) hat die eigene Erfahrung ersetzt.
Wir leben in einem Zeitalter, in dem Geschichte, geradezu in Echtzeit neu erfunden und ge-stylt wird, indem die Katastrophen in Echtzeitinszenierung über den Bildschirm gejagt werden und einen faden Beigeschmack des Vertrauensverlustes in den öffentlich-rechtlichen Zirkus und deren immer noch Medien genannten Organe hinterlassen.
Was diese Sichtweise mit unserem Thema, dem Wirken Szabados als ursprünglichem Mus-ker zu tun hat, werden wir im Weiteren sehen.
„Abgesichert“ durch die Unwägbarkeit von Langzeit Krediten, die in gewisser Weise unserem konditionierten Verständnis von dem entspricht, wie Kunst wahrgenommen werden soll, richtiger wie sie inszeniert wird, um sie ihrer Wandlungskraft zu entschärfen und in ein Unterhaltungsfach klont, klettern und hangeln wir nach vorne, ohne Halt im Jetzt und nach hinten und werden zu einer formidablen Seilschaft eines Verbrauchertums von Verbindungsverknüpfungen, welche vor lauter Angst eines vorzeitigen Absturzes nur noch die Flucht nach oben kennt.
Dort allerdings angekommen, stehen wir vor dem Dilemma, dass der Rückweg nicht mehr in Frage kommt, da wir die Hacken aus Überheblichkeit dem Abgrund überließen. Auf dem Gipfel des Mittelmäßigen ahnen wir von der Ferne her, den Verlust all dessen, was wir nicht mehr kennen und von daher nur noch als Unangenehmes möglichst schnell in den Abstell-raum einer alten Welt verbannen. Den Abstieg in den Grund, von wo wir kommen. Dieses Auszuhalten wäre bereits ein Neuknüpfen von Karabinerhaken.
Spurensicherung des Jetzt Gefühls wurde von daher zu einem neuen Überlebenstraining, da die Lebendigkeit alter Systeme nicht mehr zugänglich war oder diskreditiert in den kalten Gletscherspalten postindustrieller Arroganz verschwand.
In dem man diese nach Maßgabe einer Unterhaltungsverwertung in die Unwirksamkeit einer produzier- und kaufbaren Stückelungs-Einheit verbannte, wurden die Karabinerhacken des Könnens unmerklich umgewidmet in den Vorzug einer kostenpflichtigen Anteilnahme des nächsten Software-Upgrade.
Reproduzierbarkeit wurde der Gott des wirtschaftlichen Aufschwunges, der Motor der kapitalistischen Volkswirtschaft, dem auch die feinsinnigen Ergebnisse originär kultureller Ertüchtigungen unterworfen scheinen. Neue Religionen werden erfunden und sanktioniert um beim Zugriff auf die Freiheit ein Maximum an archaischen Kampfstoffen zur Verfügung zu haben.
Wir können uns auf nichts mehr verlassen außer auf uns selbst, welche wir nicht mehr kennen und dessen wir viele sind. Wir schreiten nicht; wir treiben; wir gehen nicht, wir stürzen; wir halten nicht inne im sein, wir versinken im Nichts. Die Angst davor übertünchen wir mit dieser Erkenntnis. Die Organe für andere Lebensweisen sind uns verlustig gegangen. Viel mehr sie werden durch beständige Einwirkung einer publizistisch medialen Welt torpediert und erodieren in einen komatösen Zustand vorbewusster Irrnis. Auch das wissen wir, ohne zu begreifen was es bedeutet und was es mit uns macht. Wir segeln ohne je die Kunst des Gleitens erlernt zu haben und rauschen den Gesetzmäßigkeiten spiritueller Aerodynamik folgend, schnell noch das Gedicht von Dädalus rezitierend in den unvermeidlichen Abgrund. Wir entpuppen uns als Kenner des Nichtwissens, welches uns der Panik vor dem Aufschlag entheben mag. Das Gefühl der Unheimlichkeit befällt uns nicht nur bei einem Aufspielen einer neuen Software Version unserer geliebten und unverzichtbaren Anwendungsprogramme auf unseren ständigen Begleiter, den Herrscher der Nullen und Einsen, vielmehr erleben wir währenddessen die schleichende Möglichkeit, dass ein Update sich im nächsten Moment völlig unkontrolliert in einen down fall verwandeln könnte. Dort, wo uns auch kein Programm eines Drittanbieters oder dessen Hotline mehr helfen kann.
Wir sind im Raum einer dem Menschenwesen fremden Naturferne, einer Hilflosigkeit der Ausgegliederten, die uns vor die Wahl einer adhoc Notfall Strategie stellt oder aber unterzugehen und ahnen die Verdammnis in einem beängstigend dunklen Reservoir der Nichtexistenz zu verschwinden. Dort, wo Mystiker aller Zeiten das Licht am Ende des Tunnels wähnten, weigern wir uns beharrlich uns auf den unvermeidlichen Schienenstrang des Kommen-den einzufinden.

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