Vorgeschobene Garnison (Freiheit der Musik: Die neuere Gesichte des ungarischen Jazz)

In Ungarn gab es keine natürliche Geburt für den Jazz. Die Staatsideologie der 50er Jahre stempelte ihn als Krisenprodukt des Kapitalismus ab und verurteilte, dass er gespielt wurde. Das Jazzpublikum war auf eine kleine Schicht reduziert, die sich an ausländischen Rundfunkstationen und aus in Koffern importierten Platten orientierte, und die diese Musik in ihren Wohnungen hörte und spielte: Jazz bot Aufregung im Gegensatz zu den Massenliedern und den seichten Tanzmelodien.

In den 60er Jahren wird dieses Interesse staatlich gebilligt, die Grenzen öffnen sich, die elektroakustische Industrie legt zu, auch der Jazz erfahrt eine Belebung, wenngleich ihm weiterhin nur eine kleine Gruppe von Musikern, Intellektuellen und Technikern anhängt. Zentrum des sich entfaltenden ungarischen Jazz ist der Budapester Dalia-Club mit regelmäßigen Konzerten und Vorträgen. Jungen Leuten ist diese Musik in ihrer Ungebundenheit und non-konformistischen Aura ein Ventil.

Enorm wichtig für diese Zeit ist der 1939 geborene Pianist György Szabados, der 1955 seine erste Gruppe gründet und Jazz spielt, der sich an der amerikanischen Avantgarde orientiert. Parallel dazu wendet er sich der Volksmusik zu, legiert die Pentatonik mit der Zwölftontechnik und wählt anstelle der Jazzrhythmen die asymmetrische Rhythmik der ungarischen Volksmusik. 1972 heimst er den ersten Auslandserfolg ein, als er mit seinem Quintett den ersten Preis im spanischen San Sebastian erringt. Die Anerkennung im Ausland öffnet ihm auch daheim Tür und Tor. Das staatliche Plattenunternehmen veröffentlicht 1975 sein Album „Die Hochzeit”, ein epochales Werk des ungarischen Jazz. Es bietet eine souveräne Synthese der ungarischen Musikalität, des free jazz und der Musiksprache des 20. Jahrhunderts.

Szabados nähert sich der Folklore nicht auf der Ebene der Ornamentik, er behandelt seine Stoffe, den Spuren Bela Bartoks folgend, durch freies Rhythmisieren und Improvisationen. „Die Hochzeit” ist schmerzliche Schicksalsmusik, ein Strom unerhörter Energien, eine Synthese von Ungarischem und Globalem. Zu Szabados’ Spiel treten Lajos Kathy-Horváth mit seiner beflügelten Violine, Sándor Vajda mit seinem robusten, im Jazz wurzelnden Kontrabassspiel und Imre Kőszegi am kraftvollen Schlagzeug.

DIE WERKSTATT: „Die Hochzeit” wirkte wie die Grabung nach einer versiegten Quelle. Der Staatsrundfunk kann nicht anders: Er lässt Szabados auf seinen Festivals auftreten. Dennoch schließen sich ihm vor weiteren Plattenaufnahmen die Türen. Ihm bleiben allein die Clubs des kreativen, freien Musizierens. Die Stammeslinie der Ungarn zurückverfolgend, gelangt er musikalisch nach Innerasien bis zu den tibetanischen, mongolischen und chinesischen Kulturen. Inzwischen hat er auch Partner und Schüler. Dazu gehören die Saxophonisten Mihály Dresch und István Grencsó, die Bassisten Róbert Benkő und Attila Lőrinszky, die Schlagzeuger István Baló und Tamás Geröly und andere. Sie treffen sich am Rand von Budapest im Kassák-Club. Immer mehr ziehen sie an: Jugendliche finden im Klassikkreis Offenheit, Ungebundensein und Aufmerksamkeit. Das fast rituelle Musizieren handelt nicht vom Geld, nicht von der Verkäuflichkeit, nicht von der Popularität, sondern von den geheimen Wünschen der Persönlichkeit, von befreienden Energien, von anarchischen Instinkten.

Die Makuz – königlich

„Die Musiker übten ihre Tätigkeit aus der einfachen und immer tieferen Überzeugung aus, dass freies Musizieren als vertrauteste Art der Musik überaus aktuell ist”, schrieb Szabados Mitte der 80er Jahre. Mit Musikern, die den Kern der später zur zeitgenössischen Musik wechselnden „Gruppe 180″ bildeten, entstand aus der Kassák-Werkstatt nach 1980 eine neue Formation. „Die Makuz” (in ironischer ungarischer Übersetzung: Ungarische Königliche Hofmusik) gründeten im Zeichen des freien Musizierens einen Club der Öffentlichkeit Freier Musik. Ihr Ausgangspunkt ist die These, der Mensch trage schon im Augenblick seiner Geburt die reine Musikalität in sich, worüber sich dann strukturartig die verschiedenen kulturellen Erlebnisse und Erfahrungen legen. Ziel ist es, durch Aufzeigen der innigsten Gefühle und Gesten in einen Zustand der „Urmusik” zurückzufinden, der den manipulativen Wirkungen der Umgebung die Schwingungen der Seele und die unmittelbaren menschlichen Beziehungen entgegensteht.

Manche Musiker kommen vom Jazz, andere von der klassischen Musik. Die Musik von György Szabados ist mittlerweile Programm. Einerseits ist sie an die tausendjährige Linie der ungarischen Kultur und ihre archaische Schichtung gebunden, andererseits hat sie einen breiteren Horizont: Sie verwahrt die kultischen Zeichen der Entstehung von Musik.

ADYTON: Acht Jahre vergehen, bis 1983 die Platte „Adyton” erscheint. Der Titel bezieht sich auf eine umfangreiche, dreisätzige Komposition für ein Septett, während „Weltstaub” und „Tanzmusik” Stücke für ein Trio – die Grundformation – sind. Der Titel des Albums ist mehrdeutig. lm Griechischen bedeutet er „innerstes Heiligtum”, was auf ein intimes, fast mythisches Moment der Schöpfung hinweist. Enthalten sind aber auch zwei weitere Lichtquellen des Szabadosschen Sternenbildes: der Dichter Endre Andy, der die ungarische Schicksalsfrage am ausdrucksvollsten fokussiert, und der Ton als Grundelement der Musik. Mit Tonfolgen als Grundmaterial, wie sie in Kinderliedern und in der Volksmusik anklingen, der Melodieführung und mit der Rhythmik wird an die Bartóksche Welt angeknüpft.

Parallel zum Ausbau der Budapester Avantgarde beginnt im Westzipfel Ungarns, im Jugendhaus von Györ, 1982 eine internationale Konzertreihe, bei der sich ungarisches Publikum erstmals mit hervorragenden schwarzen und weißen Vertretern des amerikanischen  avantgardistischen Jazz treffen kann. Als Sensation gelten die Abende, die das Konzertmonopol der Hauptstadt durchbrechen. Neben Anthony Braxton, George Lewis, Roscoe Mitchell, dem Rova Saxophone Quartet, Burton Green und Keshavan Maslak tritt  dort auch das kleine Lager der ungarischen Avantgarde auf, darunter György Szabados und eine Gruppe um Mihály Dresch.

Geistiger Inspirator der Györer Reihe ist die freie Musikwerkstatt im Kassák-Club; es ist eine Initiative, die sich später teilweise im JazzClub der Wirtschaftswissenschaftlichen Universität und ab Mitte der 90er Jahre im „Budaer Musikhaus Fonó” fortsetzt.

Szabados’ Solokonzert von 1986 in Győr ist ein Dokument der Orientierung in Richtung der archaischen Musikkulturen. „Maroser Zeremoniale”, „K-Modelle”, „Lautenmusik” – schon die Titel deuten die heraufbeschworene Welt an. Der Zirkel, der die Konzerte in Győr und an der Universität organisierte, gründet gegen Ende der 80er Jahre einen Adyton -Fonds und -Schallplattenverlag zur Förderung des ungarischen Jazz. Die erste Platte entsteht in Győr mit dem Grencsó-Kollektiv von 1988 und ’89 und dokumentiert von Folklore inspirierten zeitgenössischen Jazz, der dem Kurs der Szabados-Schule folgt. Die zweite Platte, „Gedanken an früher”, entsteht ein Jahr später mit dem Dresch-Quartett. Mitte der 90er Jahre stellt Dresch zwei neue Einspielungen vor: „Die Seele klingt” und „Efeu”. Dresch entdeckt für sich das Cimbal.

Hier wirkt es nicht kurios, sondern als reguläres Musikinstrument wie die Saxophonfamilie oder die Klarinette sowie die Geige in den Händen des virtuosen Südungarn Félix Lajkó oder des klassisch ausgebildeten Ferenc Kovács. Szabados’ erste Adyton-Platte bringt ein lange erwartetes Klaviersolo, „Das Balzen des Phönixvogels”. „Der Phönix ist”, schreibt der Musiker, „ein heiliger Vogel, ein unexistenter, nie vorhandener Vogel der Ewigkeit, und doch ist er der realste und schönste: eine Erfindung der Phantasie und des Herzens, ein Herrscher des Lebensrätsels über die Kleinheit des Schicksals. Ein Eingeweihter.” Dies ist das Schlüsselwort: Einweihung. Nicht Takteinteilung, nicht Rhythmusformel, nicht Modulationen. Sondern die Begegnung der menschlichen Dimensionen, Gefühle und Tatkräfte, ein Ritual der Schöpfung in der Musik.

Das Jahrzehnt gehört dem fruchtbaren Aufbau. Szabados komponiert auch Musik für zwei Tanztheater: „Der Regent” wird von Josef Nagy aus dem ungarischen Serbien, der eine erfolgreiche Karriere in Frankreich macht, in Paris aufgeführt, das Stück „Hirsch gewordene Söhne” kommt ins Programm des Győrer Balletts. Szabados gastiert auch in Westeuropa, in Wien, Köln, in Münster.

Das Lob der linken Hand

FONÓ: Was in den 70er und 80er Jahren in Pest der Kassák-Club war, das war 1995 in Buda die Fonó. Manche fragen, wie man Fonó buchstabiert. Es ist ein ungarisches Wort, nicht „Phono”, sondern ein Begriff, mit dem man früher den dörflichen Gemeinschaftstreffpunkt von Frauen und Männern bezeichnete. Mit Fonó verbindet sich eine Philosophie, die von akustischen und kollektiven Grundsätzen ausgeht. Im übertragenen Sinn treffen sich hier alle, die gerne improvisieren: Volksmusiker, Jazzer, Musiker zeitgenössischer Werke – alle, die für alles offen sind und die kommunizieren wollen. Fonó löste den Kassák-Club ab, mit dem es Weihnachten 1995 vorbei war wie mit dem alten politischen System, in dem und gegen das er entstand. Die wachsende Nachfrage nach CDs macht das Musikhaus Fonó zur wichtigen ideologischen Werkstatt der Volks- und Weltmusik.

Szabados’ 1996 erschienene Platte „Vergessene Gesänge” bietet zudem eine literarische Parallele. Sie erinnert die Zuhörer an Endre Adys Gedicht vom hochgeworfenen Stein, denn die Musik scheint von der kleinen Quelle (ungarische Musikalität, Pentatonik) bis zu den Ozeanen (Zeremoniale, Zwölftönigkeit, freies Improvisieren) so, dass sie immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt.

Szabados steht nun Mihály Dresch zur Seite. Der „Dudelsackpfeifer” steuert eine Vielzahl von Blasinstrumenten zu den Kompositionen bei; jazzorientiert ist das Sopransaxophon, die Bassgitarre kommt vom Zeitgenössischen her, die Flöte weist zur Volksmusik hin, auch Tamás Gerölys Schlagzeug ist frei von der Tradition des Instruments. Szabados selbst ist Konstrukteur und Baumeister in einem. Die Grundsteine seiner musikalischen Welt haben sich abgeschliffen, die Charakteristik des Klavierspiels – etwa Melodien mit Improvisationen, die sich über motorische Triolen der linken Hand entwickeln – hat sich im Lauf der Jahre verfestigt.

JAZZ: Selten taucht der Begriff in der Sprache der Fürsprecher von Adyton und Fonó auf. Eine freie, offene, improvisierte Musik, so sagt man am liebsten. In der Fonó-Werkstatt reifen neue Publikationen heran. lm Laden des Musikhauses, wo auch Schallplatten vertrieben werden, finden sich Alben der bedeutendsten europäischen Labels und der schwarzen amerikanische Musiker, die in Győr auftraten und die Freiheitsbotschaft des Jazz nach Ungarn brachten. Die Berührungen sind intensiv.

Zu Beginn der 90er Jahre erlangen zwei Persönlichkeiten des Dresch-Quartetts kultischen Respekt: István Grencsó mit seinen Neigungen zum Ironisieren und zum Parodieren der „öffentlichen” Musik, während Mihály Dresch die Lieder- und Harmoniewelt der ungarischen Volksmusik mit den Ausdrucksformen des Jazz verbindet. Ein überzeugendes Beispiel dafür ist die Platte von 1997 „Jenseits des Wassers”.

Wer bestimmt die Ordnung?

DIE FORTSETZUNG: Die Euphorie über den Zusammenbruch des alten Systems wird seit 1990 von Verwirrung, Mangel und Enttäuschung abgelöst. Der Nimbus des Jazz war bis dahin von politischer Konfrontation, Freiheitsdrang und geistigem Kontakt zum Westen bestimmt. Schockartig gelangt man zur Erkenntnis, dass eine Musik für eine kleine Schicht Clubs und Lokale nicht gewinnbringend fördern kann.

Wirtschaftliche Dimensionen, die in der Kultur und in den Medien zu dominieren beginnen, drängen die der Freiheit verpflichteten Musiker in den Hintergrund. Doch eine Kleinstadt im ungarischen Nordserbien, Magyarkanizsa, steuert mit einem Musikprogramm dagegen. Das Dél-Alföldi Szaxofonegyüttes (Saxophonensemble der südlichen Tiefebene) entsteht 1997 und spielt auf einer CD radikalen free jazz auf volksmusikalischer Grundlage.

In Győr entsteht eine neue Werkstatt, die die improvisierte ungarische Musik fördern will. Der zur mittleren Generation gehörende Saxophonist Csaba Tűzkő bringt mit seinem Septett 2003 eine Jazzplatte heraus, die auf der Kodályschen Volksmusikauffassung basiert. In Nordserbien erscheint ein neues Violintalent, Szilárd Mezei, mit dem Szabados gelegentlich im Duo spielt. Dresch gibt gefeierte Konzerte in England, Deutschland und Frankreich. Den Szabados-Zirkel entdeckt ein in London lebender Unternehmer aus Taiwan, der unter dem Namen „November Music” einen CD-Verlag für die Veröffentlichungen der Schule gründet. Grenzen werden überschritten.

Durch das Internet werden in aller Welt anspruchsvolle Platten zugänglich – solange es ein geschäftliches Interesse an ihnen gibt. Musik der Freiheit, Freiheit der Musik – wer bestimmt die Ordnung?

(KUNST & KULTUR, September/Oktober 2003)

Stuttgart, Deutschland

soon

Gabor Turi: published at “Kunst & Kultur – Kulturpolitische Zeitschrift Nr. 6 – Sep/Oct. 2003”